Über den Charakter von
Sokrates weiß man erstaunlich gut Bescheid. Vermutlich war er sehr abgehärtet,
da er auch im Winter barfuss und nur dünn gekleidet
umherging. Seine Ablehnung
gegenüber dem Luxus, den er sich hätte leisten können, war wahrscheinlich der
Grund dafür. Er hatte das gesamte Geld seiner Eltern aufgebraucht, so dass er völlig
arm war, denn sein Wunsch war es ein einfaches Leben zu führen. Dies bestätigt
ein Satz, den er oft gesagt haben mag:
„Wie zahlreich der Dinge, derer ich nicht
bedarf.“
2.1.1
Die Tapferkeit
Er war sowohl tapfer als auch
hilfsbereit. Er kämpfte in vielen Kriegen als Soldat des athenischen Heeres
(s.1.1.5) und half seinen Freunden oft aus lebensbedrohlichen Situationen. Seine
Tapferkeit wurde auch noch kurz vor seinem Tod deutlich, als er den
Schierlingsbecher ohne ein Zögern lehrte (s.1.2.3).
2.1.2
Die Gedankenversunkenheit
Ein
besonderes Kennzeichen seines Charakters ist die Eigenschaft, die als
„gedankenversunken“ bezeichnet werden kann. Es wird überliefert, dass er
wegen seiner „Geistesverwirrung“ zu vielen Veranstaltungen zu spät kam. So
wird in einem von Platons Dialogen berichtet, dass Sokrates, der auf dem Weg zu
einer Einladung eines Freundes war, auf dem Weg stehen blieb und die ganze Nacht
über eine Idee, die ihm plötzlich kam, nachdachte. Dadurch gelangte er erst
kurz vor Schluss der Feier zum Haus des Freundes.
Sokrates hörte eine innere
Stimme, die er selbst sein „daimónion“ nannte. Er hörte auf sie, wenn er
nicht mehr weiter wusste. Sokrates glaubte, dass sie ihn in seinem Handeln
leiten würde.
Er erwähnte seine innere
Stimme noch kurz vor seinem Tode. Er wies nämlich darauf hin, dass das daimónion
ihm nicht davon abgeraten habe, sich dem Prozess zu
stellen.
2.2
Die Bestandteile des sokratischen Gespräches
Die Maieutik wird auch die
Hebammenkunst genannt. Sokrates versuchte nicht andere Menschen von seinen
Einstellungen zu überzeugen, sondern er sah sich selbst als einer, der ihnen
half ihr Wissen auf die Welt zu bringen, also ihnen geistige Geburtshilfe
leistete.
Er wollte in denen, die mit ihm
sprachen, das Bedürfnis erwecken, selbst nach der Wahrheit zu suchen. Die
Ratlosigkeit bei der Klärung ethischer Begriffe wurde nicht durch nacherzählbares
Vorsagen einer fertig ausgearbeiteten Sittenlehre überwunden Die Antwort darauf
blieb letztlich als unabschließbares, kritisches Bemühen im Raum stehen.
Oft zielte Sokrates auf
Begriffsbestimmungen. Er ging immer vom induktiven, also vom besonderem Fall aus
und führte zum Allgemeinen hin. D.h. er strebte auf einen jeweils diskutierten
Begriff hin. So versuchte er Tapferkeit,
Wahrheit, Frömmigkeit, Gerechtigkeit, die Tugend und vor allem das Schöne und
das Gute zu ergründen. Habe man nämlich einmal das wirklich Gute
gefunden, wäre man nicht mehr imstande, Böses oder Ungerechtes zu tun.
Der
ewig optimistische Sokrates behauptete, niemand könne gegen etwas handeln, von
dem er in seinem tiefsten Inneren wüsste, dass es schlecht sei. Er hielt es für
unmöglich, glücklich zu werden, wenn man gegen seine eigene Überzeugung
vorgehe, und jeder, der weiß, wie man glücklich werden kann, wird auch
versuchen es zu werden.
2.2.3
Die sokratische Ironie
Sie, eironeia
im Griechischen, ist ein weiteres Hilfsmittel, dessen sich Sokrates gern
bediente. Er verstellte sich absichtlich und benahm sich so, als ob er nicht
verstünde, was seine Gesprächspartner ihm zu erklären versuchten. Damit
brachte er sie jedesmal soweit, dass sie sich selbst widersprachen und am Ende
wieder einmal zugeben mussten, dass ihre herkömmliche Ansicht die falsche bzw.
nicht die vollständig richtige gewesen war.
Abgesehen davon, dass er sich
nur dumm stellte, war ihm klar geworden, dass er wirklich sehr viel über das
Leben und die Welt nicht verstand oder erst gar nicht wusste. Dies brachte er in
einem Satz zum Ausdruck, der ihn bis heute in Erinnerung hält: „Ich weiß,
dass ich nichts weiß.“
Ein weiterer Ausspruch von ihm
war: „Die Klügste ist die, die weiß, dass sie nichts weiß“. Und Sokrates
wusste ja, dass er nichts wusste. Damit gestand er sich nun selber zu, dass er
nun doch der Klügste sei, welches ihm sogar das Orakel von Delphi bestätigte,
was zu seiner Zeit die Allwissenheit darstellte. Denn Sokrates’ Einsicht des
Nichtwissens besaßen die Sophisten nicht, die immerzu mit ihrem wenigen Wissen
prahlten.
2.3
Die zwiegespaltene Persönlichkeit
Wie schon erwähnt, bewies
Sokrates in zahlreichen Schlachten seine Tapferkeit und war hilfsbereit gegenüber
seinen Freunden.
Anderseits
vernachlässigte er seine Familie und die Arbeit im Haus. Er kümmerte sich
nicht um seine Kinder und seinen eigentlichen Beruf als Steinmetz. Er folgte
lieber seiner Berufung, so wie er es nannte, der Philosophie.
Es
wird sogar vermutet, dass er keine glückliche Ehe führte, denn Platon schrieb,
dass Sokrates zu jemandem, der heiraten wollte, sagte: „Was du auch tust, du
wirst es bereuen.“. Sokrates bereute es bestimmt Xanthippe geheiratet zu
haben. Dennoch soll Sokrates sie nach Meinung von Platon geliebt haben.
Wegen
der Tyrannisierung durch seine Frau mied er oft seine Familie, denn in vielen
Quellen wird Xanthippe als zänkisches Weib beschrieben. Sie wollte ihn mit
allen nur erdenklichen Mitteln von der Philosophie abbringen, da ihr seine
Lebensart nicht gefiel. Er sollte lieber seinem Beruf nachgehen. Doch sie
erreichte das genaue Gegenteil: Sokrates tauchte immer weiter in die
Gedankenwelt der Philosophie ein, so dass er nun immer länger auf dem
Marktplatz blieb, um mit Fremden zu diskutieren.